Guido Freis

Blickfrei(s)

Touren: Galerie

Die Tour in die Republik Altai (Grenzgebiet zwischen China, Russland, Kasachstan und der Mongolei) sollte der Unterstützung eines Nationalparks, insbesondere zum Schutz von Schneeleoparden, dienen.
In Novosibirsk traf sich die international zusammengewürfelte Truppe, die nun 2 Wochen Spuren von Schneeleoparden finden sollte.
Die Stadt selber wirkt recht klinisch. Sauber. Aufgeräumt. Groß. Aber leider ohne rechten Charme.

Die Anreise mit zwei Range Rovern von Novosibirsk ins Zielgebiet dauerte noch zwei weitere Tage. Zwischenstopp wurde in Biysk gemacht. Die Unterkunft war das mit Abstand modernste Haus in dem Dorf.

Kurz hinter Biysk müssen die Range Rover einen der beiden Hauptarme des Ob überschreiten. Die Brücke will unseren Expeditionsleiter aus Schottland nicht wirklich erfreuen.

So sah die Brücke bei genauerer Betrachtung aus. Wir entschlossen uns, die Fahrzeuge ohne Passagiere über die Brücke zu fahren und lieber hinterher zu laufen.

Der Fluss selbst ist imposant und lud zum Verweilen ein.

Der Grenzübertritt von Russland in die Republik Altai war erwartungsgemäß voller Formalitäten und Regularien. Altai selber präsentiert sich nochmals anders als Sibirien. Auffallend ist der Mix an Religionen. Die Mehrheit ist muslimisch oder buddhistisch, aber gerade auf dem Land ist die alte Religion viel präsenter. Die bunten Fähnchen, gerne an heiligen Quellen angebracht, sind Opfer, Gebete und Bitten an die Götter.
Viele dieser Götterhaine haben schon beim Betreten eine unverkennbare Ausstrahlung - man fühlt sich augenblicklich der Welt enthoben.

Nach exakt 80 Stunden Anreise sind wir endlich im Lager südlich von Kosh-Agash angelangt. Das Lager selbst besteht aus Zelten und ist entsprechend einfach. Der Ausblick entschädigt aber für alles. Hinter diesen Bergen befindet sich in wenigen Kilometern die Mongolei. In der anderen Richtung liegt etwa 20km entfernt die Volksrepublik China. In der dritten Himmelsrichtung liegt Kasachstan.
Um die Ebene auf dem Bild zu durchqueren, dauert es mit den Range Rovern einen knappen Tag. Das liegt zum einen an der Weite und zum anderen an den Wegen. Die gibt es nämlich nicht. Auf Google-Maps ist genau in dieser Ebene die Autobahn M52 in die Mongolei eingezeichnet. Wir sind bestimmt ein dutzend mal darüber gefahren und haben es für einen lausigen Feldweg gehalten. Nur Schlamm, Schlaglöcher und Steine. In der ganzen Zeit haben wir kein einziges Fahrzeug auf der M52 entdecken können. Somit ist es auch nur konsequent, hier keinen Teer hinzukippen. Für wen auch?

So sah unser Lager aus. Jeder hatte sein eigenes Zelt. In der Mitte das Küchenzelt und die Jurte für das abendliche Zusammensein.
Dass ich mein Zelt (im Bild ganz vorne) auf den Hügel gesetzt habe, damit ich morgens den Ausblick in den Sonnenaufgang genießen kann, ist klar.

Diese heilige Quelle mitten im Nirgendwo ist berühmt für ihre Heilkraft bei Nierenleiden. Man muss sich nur unter den Wasserstrahl stellen, der mit Hilfe eines Abflussrohres aus der Quelle geführt wird, ein Gebetsband aufhängen und Bingo.
Allerdings dürfte es nicht viele Menschen geben, die nach der Dusche mit diesem Eiswasser überhaupt noch fähig sind, sich zu bewegen. Dass dann alle Nierenleiden vergessen sind, glaube ich aber sofort.

Dieser kleine Monolith wurde vermutlich noch nie von irgendeinem Wissenschaftler untersucht. Dazu müsste er ihn auch erst mal finden. Der einheimische Führer weiß zu berichten, dass diese Steine Gottheiten darstellen. Warum sie dort stehen, wußte er nicht. Nur dass sie vermutlich älter als 3000 Jahre sind. Das nenn ich mal alt.

Wem macht so etwas keinen Spaß? Die Sponsorfirma macht sicherlich gute Werbung für ihre Fahrzeuge - aber die mussten definitiv auch richtig was mitmachen. Und nicht alle Fahrer waren Geländefahrten gewohnt, was die Belastung für die Fahrzeuge noch erhöhte.
Teer und Brücken sind in dieser Region absolute Ausnahmen. Vermutlich ein Grund, warum die Natur noch weitgehend unberührt und intakt ist.

So sah unsere Kohorte aus. 1 Expeditionsleiter (Schotte), 1 wissenschaftlicher Leiter (Russe), 1 Fahrer/Koch (Altai) und 8 Touris (England, Schottland, Holland und Deutschland).

In den Weiten der Steppe finden wir immer wieder Jurten. Die Hirten werden befragt, ob sie im Winter irgendwo Schneeleoparden gesehen haben oder ob Ziegen gerissen wurden. Für die Hirten ist unser Besuch ein Highlight. Nicht weil wir so toll sind, sondern weil sie z.T. seit 3 Monaten niemand anderen gesehen haben.

Das universelle und überall anzutreffende Fortbewegungsmittel Nr.1 ist und bleibt offenbar das Pferd. Dass die Hirten damit ihr Vieh bewachen und treiben, ist selbstverständlich.

Dieses Bild ist gibt einen typischen Eindruck von der vorherrschenden Landschaft. Diese ist geprägt durch Gras, Hügel und Wolken. Sonst nichts.

Die kleinen Gebäude im Vordergrund sind das Beständigste, was die Menschen dieser Region in den Weiten der Steppe errichten. Es sind Gräber.
Oberhalb des Flussbettes mit Blick in die Ebene liegt dieser winzige Friedhof. Wie alt er ist, kann niemand sagen. Man schreibt keine Geburts- oder Todestage auf diese Gräber. Die Anzahl an Gräbern lässt aber Rückschlüsse auf die Bevölkerungsdichte dieser Region zu.

Tja, und das ist es, was wir suchten. Losung von Schneeleoparden. Vitali, unser wissenschaftlicher Leiter, erklärte uns hingebungsvoll, was er so alles aus einem Haufen lesen kann.
Hier war er sich sicher, dass der Schneeleopard einen Pfeifhasen vertilgt hat. Eigentlich ernähren sich die Schneeleoparden mehr von Steinböcken/Argali, daher war sich Vitali, auch auf Grund der Größe des Haufens, sicher, dass es sich hier um ein Jungtier gehandelt haben muss.
Auf eine Geschmacksprobe hat er übrigens verzichtet.

Diese Jurten liegen malerisch in einem Hochtal, unmittelbar an einem namenlosen Fluss.
Weniger malerisch war die Tatsachenverfälschung unseres Expeditionsleiters.

Auch in dieser Jurte wurden wir königlich empfangen. Die Konversation war radebrechend aber umso herzlicher. Bei der Frage nach dem Anblick von Schneeleoparden entgleitet dem Expeditionsleiter jedoch das Wunschszenario.
Der Hausherr hat keine Schneeleoparden gesehen. Aber viele Wölfe, von denen er auch etliche erlegt habe. Ich werde hellhörig.

Ich frage den ausgesprochen sympathischen Mann, wieviele Wölfe er erlegt habe und womit. Er antwortet, es seien im Winter etwa 60 gewesen, die er und seine Söhne erlegt haben und zieht aus einer Ecke der Jurte einen wirklich uralten Karabiner mit offener Visierung hervor.
Mit dieser Waffe schießt man - wenn man gut ist - vielleicht auf 200m einen Wolf. In dieser offenen Landschaft sieht man aber im Sommer schon auf 500m jeden Hasen. Im Winter wird das noch drastischer sein. Und Wölfe sind nicht für ihre Dummheit bekannt.
Mir ist klar, dass er mit dieser Waffe alleine keine 60 Wölfe erlegt haben kann.

Mitten in unser Gespräch stößt auch der Sohn des älteren Mannes hinzu und ich wundere mich, dass der Expeditionsleiter auf einmal so schnell aufbrechen will.
Ich äußere meine Skepsis bezüglich der Jagd und sehe beim Sohn ein Kopfnicken. Auf meine Frage, womit sie denn sonst noch so jagen, will weder der Expeditionsleiter noch der wissenschaftliche Leiter übersetzen. Das sei doch Unfug.
Die Teammitglieder setzen aber geschlossen nach - sie sind ebenfalls stutzig geworden. So wird meine Frage übersetzt und der alte Mann holt hinter der Jurte ein gewaltiges Fangeisen hervor. Damit würden sie im Winter auf Wölfe jagen. Klar, damit schaffen sie auch tatsächlich so viele zu erbeuten.
Als ich dem Expeditionsleiter sage, damit wisse er, wo zumindest ein Teil seiner Schneeleoparden im Winter verbleibe, wiegelt dieser rigoros ab. Mit dem Fangeisen würden nur Wölfe gefangen und bestimmt keine Schneeleoparden. Diese würden von russischen Jägern aus Moskau illegal geschossen, aber sicher nicht von den Einheimischen.
Auf meinen dezenten Hinweis, dass er mir mal erklären soll, woher das Fangeisen weiß, ob gerade ein Wolf oder ein Schneeleopard an dem Köder ziehe, wurde er - so gänzlich unbritisch - ungehalten und brach das Gespräch ab.
Auch im Abschlussbericht zur Beurteilung der Lage für die Schneeleoparden, wurde die Fangjagd der Einheimischen nicht mit einem Wort erwähnt.
Wissenschaft ist definitiv etwas anderes. Ab sofort hieß der Expeditionsleiter bei uns nur noch Politkommissar.

In dieser Landschaft müssen sich alle anpassen. Auch der Haushund muss gut schwimmen können.

Bei unseren Streifzügen durch die Heimat der Schneeleoparden sollten wir vornehmlich nach Spuren auf dem Boden achten. Den Kopf hochzunehmen und die wunderschöne Landschaft zu genießen, war jedoch viel verlockender. Das Spiel von Licht, Wolken und Schatten auf den Hängen war einfach zu schön.

Die Landschaft im Altai-Gebirge sieht vergleichsweise langweilig aus. Jedoch finden sich viele, viele kleine Pflanzen, die der übliche Pflanzenführer nicht kennt.
Jane - eine Biowissenschaftlerin aus Oxford - war schon zum zweiten mal dabei und hatte bei ihrer ersten Tour glatt zwei völlig unbekannte Pflanzen entdeckt. Entsprechend begeistert sammelte sie alles an Pflanzen, was ihr unbekannt und interessant erschien.

Wir wollen den Tapduair, den höhsten Berg in dieser Region erklimmen (immerhin 3056m hoch) und dort nach Spuren von Schneeleoparden suchen.
Vor den Ausblick hat der liebe Gott aber den Anstieg gestellt.

Auf halber Strecke eröffnet sich der Blick in das Bergtal mit zugehörigem See. An dessen Wasserrand werde ich in der Nacht dank des Nachtsichtgerätes eines Freundes (Bernhard - nochmal Danke dafür!) einen Schneeleoparden entdecken.
Die Spuren, welche wir am nächsten Tag dort finden, sind eindeutig.

Die Berge am Horizont gehören schon zu China.

Diese schneebedeckten Berge liegen in der Mongolei.
Der Politkommissar erläutert, dass die Durchquerung der Ebene dazwischen vermutlich etwa 2 Tage dauern würde.

Als der Rest der Truppe sich auf den Rückweg macht, richte ich mein bescheidendes Nachtlager ein. Ich will von hier oben mit Hilfe des Nachtsichtgerätes nach Schneeleoparden Ausschau halten.
Hätte ich gewusst, wie kalt diese Nacht wird, wäre ich wohl auch mit abgestiegen. Der Anblick des Schneeleoparden entschädigte letztlich aber für alles.

Abendstimmung auf dem Tapduair mit Blick nach Süden Richtung China.

Zur gleichen Zeit mit Blick über mein Lager nach Nordosten in Richtung Mongolei.
Obwohl es eiskalt war - der Wind pfiff ausgesprochen unangenehm über den Berggipfel - war diese Nacht eine der schönsten unter freiem Himmel. Landschaft, Licht, Atmosphäre und die Hoffnung auf Schneeleoparden ließen die Sterne und den Mond noch heller leuchten.
Irgendwann habe ich es aber dann doch nicht mehr ausgehalten und bin in meinen Schlafsack. Wärme kann ja so herrlich sein.

Beim Abstieg vom Tapduair lief ich in ein ganzes Feld dieser Enzian-Variation. Als ob die Natur beschlossen hätte, nur genau hier könne diese Pflanze wachsen. Ausserhalb dieses etwa 100x100m großen Feldes habe ich diese Pflanze nirgendwo gesehen.

Die Rückreise war sogar noch länger als die Hinreise, da der Flug von Novosibirsk einen halben Tag Verspätung hatte. Die dann ankommende Antonov war derartig laut, dass der MP3-Player im Ohr auf voller Lautstärke leider nicht wahrzunehmen war. Die Propeller unterbanden so auch jedes Gespräch an Bord.

Insgesamt war diese Reise sicherlich all die Strapazen wert. Auch wenn unter dem Deckmäntelchen der Wissenschaft letztlich doch nur Politik gemacht wurde. Der Nationalpark ist heute aber Wirklichkeit und ich kann behaupten, einen kleinen Beitrag dazu geleistet zu haben.

Schade war aber auch hier, dass ich mich von dem Begriff Expedition hab abschrecken lassen und nur eine kleine Reisekamera dabei hatte - da wäre mehr gegangen.

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